Ikonen

„Was das Wort durch das Gehör übermittelt,
wird durch das Bild wortlos dargestellt;
mittels beider, die voneinander untrennbar sind,
erfahren wir das einzige und gleiche Mysterium.“
(Hl. Basil 329-379)

Die Ikone vermittelt den Inhalt der Hl. Schrift nicht im Form einer theoretischen Belehrung, sondern in liturgischer Weise … Sie stehen zur Hl. Schrift im gleichen Verhältnis wie die liturgischen Texte.

Durch Wort und Bild, diese beiden ergänzenden Ausdrucksformen, werden der letzte Ursprung und das letzte Ziel des Menschen und aller Dinge in Kultus ausgedrückt. Diese Weigerung, das „Gehörte“ und das „Gesehene“ zu trennen, ist ein weiteres Kennzeichen der homogen Vision des Menschen und der Dinge im orthodoxen Glauben.

Die Ikonenanbetung gründet sich in den Augen der Orthodoxen auf die Gewissheit der Inkarnation Gottes im Menschen Jesus von Nazareth.

„ Gott, der weder Leib noch Form hat, wurde einst überhaupt nicht dargestellt. Doch nun, da er im Fleisch zu uns gekommen ist und unter den Menschen gewohnt hat, stelle ich die sichtbare Gestalt Gottes dar“
(Johannes von Damaskus 670-750)

Das Ziel der Ikonenmalerei ist: die Beteiligung des Menschen am göttlichen Leben aufzuzeigen. Darum ist z.B. die Darstellung des Sinnlichen nicht gestattet. Die Bilder bestehen nur aus Formen und Farben. Man bemüht sich nicht das Gesicht wiederzugeben, sondern die Erscheinung. Sie steht der dekorativen Malerei mit ihren klar umrissen Formen und deutlichen Farben nahe, und ist weit entfernt vom Impressionismus. So gibt es auch in der Ikone keine dritte Dimension, keine Bildtiefe, sondern eine flache Darstellung und eine umgekehrte Perspektive. Form und Farbe und deren Symbolik stehen im Vordergrund. Die Haltung und der Ausdruck der Figur weisen auf die letzte Wirklichkeit hin. Die Heiligen gestikulieren nicht; sie sind Angesichts Gottes in Gebet versunken; jede ihrer Bewegungen und selbst ihre Körperhaltung hat sakramentalen (d.h. das Göttliche übermittelnden), hierarchischen Charakter. Im allgemeinen sind sie dem Beschauer ganz oder dreiviertel zugewendet… Der Heilige steht vor uns und nicht irgendwo im Raum. Wir müssen ihm in Antlitz blicken. Darum bildet man die Heiligen fast nie im Profil ab. Die Erde, die Pflanzen- und Tierwelt sind auf der Ikone dargestellt um uns die Teilnahme dieser Welt an der Vergöttlichung des Menschen zu zeigen und nicht um uns näher zu bringen, was wir ständig um uns sehen. Die Ikone ist nicht eine Darstellung der Welt in der Art einer Fotografie, sondern eine Offenbarung der letzten Wirklichkeit; z.B. die Perspektiven. Die Fluchtpunkte befinden sich nicht in der tiefe des Bildes (man will nicht den sichtbaren Raum darstellen !), sondern im Beschauer selbst, z.B. die unlogische Darstellung der Gebäude in der Ikone…

Die Ikonenmalerei ist keineswegs ein Kopieren. Man hat schon längst festgestellt, dass es keine Ikonen gibt, die sich gleichen. Es werden von Ikonen nicht Kopien, sondern freie, schöpferische Übersetzungen gemacht. Sie ist weit davon entfernt, unpersönlich zu sein, weil das Befolgen der Überlieferung nie die schöpferischen Kräfte des Künstlers bindet, dessen Besonderheit sich ebenso in der Komposition wie in der Farbe und in der Linie äußert.

Der Orthodoxe betet vor der Christus darstellenden Ikone wie vor Christus selbst, doch die Ikone, die Christi Gegenwart versinnbildlicht, wird deshalb noch nicht zum Götzen. Die Ehrfurcht gilt nicht dem Bild selbst, sondern der Wirklichkeit, die es darstellt. Man verehrt das Bild Typikos.

Ikonostase (Ikonenwand)

In jeder orthodoxen Kirche befinden sich außer Ikonen auch der Ikonostase, die den Altarraum vom Schiff der Kirche trennt, Ikonen der Gottesmutter, des Kirchenpatrons, je nach den Festen und Festzeiten des Kirchenjahres wechselnd, die Ikonen des Festtages und auch Ikonen, die in dieser Kirche vom Volk verehrt werden.

Die Zweiteilung der Kirche in Altarraum und Schiff ist Symbol für die beiden Naturen in Christus, auch erinnert sie an den Menschen der aus Leib und Seele besteht. Die Ikonostase ist die sichtbare Trennung des Raums, der den Himmel darstellt, vom Schiff, das die Erde symbolisiert.

Die Ikonographie unterscheidet verschiedene Entwicklungsphasen.

  • 8.Jahrhundert: während und kurz nach Beendigung des Bilderstreites. Man beschränkt sich auf Einzelbilder, auf Porträts und verzichtet auf szenische Bilder. Vor allem werden Christus, Maria, die Engel und Heiligen dargestellt. Unter den Heiligen stehen die Apostel an erster Stelle, nach ihnen kommen die Märtyrer, dann erst folgen die Propheten.
  • 11. Jahrhundert: Die Theologie der Ikone hat sich durchgesetzt. Jetzt setzt sich auch das szenische Bild durch. Man wählt streng aus. Der früheste Bildzyklus besteht aus acht Darstellungen (mittelgriechischen Klosterkirche von Hosios Lukas)

1-4: Weihnachtsfestkreis

  1. Verkündigung
  2. Geburt
  3. Darbringung
  4. Taufe

5-8: Passion und das Ostergeschehen

  1. Fußwaschung
  2. Kreuzigung
  3. Auferstehung
  4. Erscheinung vor Thomas

Im Laufe der Zeit werden die Bildinhalte verändert. Der Endpunkt ist eine Folge von zwölf Bildern zu den zwölf Hochfesten

  1. Mariä Geburt (8. September)
  2. Kreuzerhöhung (14. September)
  3. Eintritt der Gottesgebärerin in den Tempel (21. November)
  4. Christi Geburt (25. Dezember)
  5. Gottesoffenbarung des Herrn (6. Januar)
  6. Begegnung des Herrn (2. Februar)
  7. Mariä Verkündigung (25. März)
  8. Einzug in Jerusalem (Palmsonntag)
  9. Christi Himmelfahrt
  10. Pfingsten
  11. Verklärung des Herrn (6. August)
  12. Mariä Heimgang (15. August)

Ostern steht als Fest der Feste über den zwölf Hochfesten. Es geht hier um mehr als nur um die Darstellung einzelner Hochfeste. Es ist das Christusmysterium in seiner Ganzheit, wie es im liturgisch-sakramentalen Leben der Kirche, auch im Kirchenjahr, vor allem aber in der Feier der Eucharistie, der Sakramentenspendung und der Verkündigung des Evangelium vergegenwärtigt wird.

Streng genommen können wir in der Entwicklung der kirchlichen Ikonographie nur diese beiden Perioden – die des Porträts und die des szenischen Bildes – unterscheiden. Mit dem 14. Jahrhundert sind Liturgie, Kirchenbau und Ikonenmalerei bis ins Feinste ausgebildet. Das byzantinische Reich zerfällt. Die Zeiten der Schöpferkraft sind vorüber.

Die Ikonostase der ukrainischen Kirche Neugraben (Hamburg)

 Klicken Sie auf die einzelnen Ikonen, um es größer zu sehen!

Diese Ikonostase wurde hergestellt durch den jugoslawischen Mönch P. Danilo aus dem Kloster Sveti Stephan, während der Monate Februar und März 1979.

Hier können Sie die einzelnen Ikonen betrachten:
  1. Christus
  2. Maria
  3. Johannes der Täufer
  4. Alle Heiligen
  5. Mariä Verkündigung
  6. Das nicht von Menschenhand geschaffene Bild Christi
  7. Mariä Geburt
  8. Darbringung Mariä
  9. Das Entschlafen der Gottesmutter
  10. Weihnachten
  11. Darbringung Jesu
  12. Die Taufe Christi
  13. Verklärung Christi
  14. Einzug in Jerusalem
  15. Christi Auferstehung
  16. Christi Himmelfahrt
  17. Pfingsten
  18. Kreuzerhöhung
  19. Aaron
  20. Salomo
  21. Elia
  22. Daniel
  23. Hl. Stephanus
  24. Der Erzengel Michael

Christi Auferstehung

Die Auferstehung Christi ist in der Kunst der Ostkirche im allgemeinen als der Abstieg Christi in den Hades dargestellt worden: Soschestwije wo ad (altslawisch).
Den Stoff für die Darstellung des Geschehens liefert besonders das Apokryphe Evangelium des Nikodemus.
Das Bild zeigt Christus, der Adam und Eva aus dem Hades erlöst. Daher nennt man die Ikone auch die Auferstehung oder Befreiung Adams. In späterer Zeit wird dieses Bild durch die Bestrafung Satans und seiner Helfer durch Engelscharen weiter ausgearbeitet.
Vor der Mandorla steht Christus, seine Füße treten zwei Bretter, welche sich kreuzförmig übereinandergelegt haben und symbolisch die geborstenen Pforten der Hölle wiedergeben sollen.
Der Hades ist eine unregelmäßig geformte schwarze Fläche. Sie symbolisiert die unendliche Finsternis, deren Einfassung von einem mittellbreiten dunkelbraunen Rand vorgenommen wird. Die Rechte Christi ergreift Adam am Handgelenk (die Linke Eva …) und erhebt ihn befreiend aus dem Grabe, das der Steinsarg andeuten will, und auf dem der Stammvater mit erhobenen bittenden und grüßenden Händen Christi entgegen schaut.
Auf der rechten Seite findet sich eine Gruppe von Vorvätern.
Auf der anderen Seite stehen Johannes der Täufer und die Könige David und Salomo. Die Könige tragen Kronen und prächtige Gewänder, Johannes sein Asketenkleid.
Diese Gestalten und Adam und Eva sind mit Heiligenscheinen dargestellt. Hinter beiden Gruppen erhebt sich eine kahle, linear aufgebaute Felslandschaft und in dem freien gelben Feld zwischen den Gipfeln steht: Auferstehung unseres Herrn Gottes, Jesus Christus.

Alle Heiligen

Die Ikonographie des Bildtyps „Alle Heiligen“ hat sich in engem Zusammenhang mit der Ikonographie des Jüngsten Gerichts entwickelt.
Christus sitzt auf einem breiten Band, das hier den Regenbogen ersetzt hat. In der Anordnung, die man von der Deesis her kennt, stehen die Fürbitter Maria und Johannes der Täufer zu Seiten der Aureole.
In dem breiten Ringstreifen um die Aureole mit Christus hat sich zu dessen Haupt der Engel gestellt. Zu Füßen Christi ist die Etimasia gemalt, der bereitete Thron, über den ein blaues Tuch gelegt ist und hinter dem ein braunes Kreuz aufragt, dessen oberes Ende von der Aureole Christi verdeckt ist.
Vor der Etimasia knien Adam und Eva. Zur Rechten und zur Linken des Heilands sind Gruppen der Heiligen in fünf Reihen übereinander gemalt. Die obere reihe bilden die Könige, Propheten und Vorväter des Alten Testaments; darunter folgen die Apostel, unter den Aposteln dann die Hierarchen, die Kirchenväter und die heiligen Bischöfe, unterhalb von diesen links die Märtyrer, rechts Einsiedler und Mönche.
Die untere Reihe bilden die heiligen Frauen: links die Fürstinnen, rechts die seligen Frauen geistlichen Standes.
Fünf Gestalten sind aus der reihe der Heiligen und der Engel ausgesondert und haben außerhalb des Kreises ihren Platz.
In den oberen Bildecken sind in halber Gestalt links der König David und rechts der König Salomo mit entrollten Schriftblättern dem Kreis mit den Heiligen um Christus zugewendet.
Die ganze unter Bildpartie zeigt das Paradies mit Bäumen und Hügeln. Links und rechts sitzen vor den Bäumen zwei greise Gestalten. Es sind die Vorväter Abraham auf der linken und Jakob auf der rechten Seite. Mit beiden Händen erhebt jeder Patriarch ein Tuch, über dessen Rand sich Flammen befinden.
Es bedeuten die Seelen der Gerechten, die nun im Schoß der Patriarchen aufgehoben sind.
Zwischen Abraham und Jakob, steht eine nackte Gestalt, um deren Hüften ein Lendenschurz liegt und die ein langes Kreuz schräg vor den Leib und über die rechte Schulter hält. Es ist der gute Schächer, der zusammen mit Christus gekreuzigt wurde und der bereits, wie der Herr es ihm verheißen hatte, in das Paradies aufgenommen worden ist.

Kreuzerhöhung

Die Verehrung des hl. Kreuzes und Festfeiern zu seiner Ehre wurden frühzeitig in der Kirche üblich. Im Gedenken an die Auffindung des hl. Kreuzes durch die Kaisermutter Helena und an die Rückgewinnung des Kreuzesreliquie durch den Kaiser Herakleios aus den Händen der Perser, die sie bei einer Eroberung Jerusalems im Jahre 614 geraubt hatten, wurde das Fest der Kreuzerhöhung am 14. September eingeführt. Auf unserer Festtagsikone hält der Patriarch von Jerusalem das Holz des Kreuzes dem Volk Gottes zur Verehrung entgegen. Daneben die Kleriker. Die Kaisermutter Helena steht links.