Andacht für die Todesopfer des Maidan am Freitag, dem 20.02.2014, 19:00 Uhr in St. Petri

Am Freitag, 21. Februar 2014 um 19:00 Uhr lud die ukrainisch-katholische Kirchengemeinde Hamburgs zu einer Totengedenk-Andacht für die Todesopfer des Maidan in Kyiv in die Hauptkirche St. Petri ein. Außer der ukrainischen Diaspora waren auch viele Gäste anderer Nationalitäten und Konfessionen zu Gast.

Die Andacht begann mit einem Orgelvorspiel des St. Petri Kirchenmusikers Thomas Dahl, einer Improvisation auf Verleih uns Frieden ewiglich. Danach hielten wir mit den Priestern Pater Stefan und Pavlo eine Панахида ab, in deren Mitte Pater Pavlo eine Predigt in deutscher Sprache hielt. Auch die Gebete wurden zu einem großen Teil in deutscher Sprache gesprochen.

Hier ist der Text der Predigt, die Pater Pavlo hielt:

Liebe Brüder und Schwestern in Christo!
Zunächst einmal möchte ich allen, die Verwandte, Freunde oder Bekannte verloren haben unser tiefes Mitgefühl aussprechen! Für diese gemeinsame Totenandacht und für das Friedensgebet möchten wir von der Hamburger ukrainischen Allerheiligen Gemeinde Ihnen allen herzlich danken!
Man sagt „geteiltes Leid-ist halbes Leid“ und deshalb ist es gut und wichtig, dass Sie jetzt hier sind und dass wir uns Ihnen mitteilen dürfen und dass Sie sich als Europäer angesichts der durch nichts zu rechtfertigenden Gewalt und der offiziell angeordneten Tötung von Menschen in Europa, deren Bestandteil die Ukraine geographisch schon längst ist, solidarisch zeigen mit dem leidenden ukrainischen Volk!

Ich bitte an dieser Stelle vor allem meine ukrainischen Landsleute um Verständnis dafür, dass ich als Priester keine politische Ansprache halten werde. Doch könnt Ihr zu recht erwarten, dass Geistliche, egal welcher Konfession sie angehören, für die Wahrheit eintreten und die Dinge beim Namen nennen. Doch was ist die Wahrheit in einem Konflikt, in dem es mittlerweile leider schon auf beiden Seiten zu tötlicher Gewalt kam? In der so genannten Postmoderne gibt es die Tendenz, mehrere Wahrheiten zuzulassen und dadurch im Endeeffekt gar keine allgemeingültige Wahrheit mehr vertreten zu können. In Anbetracht der sich völlig widersprechenden Meldungen, wem kann man noch vertrauen? Was ist die christliche Antwort auf das Verwischen von Gut und Böse? Bereits der hl. Paulus war mit diesem Problem konfrontiert, wie wir etwa seinem 2. Brief an Timotheus entnehmen können, wo er im 4. Kapitel beklagt “man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden”. Brüder und Schwestern, manche Verlautbarungen inmitten der schweren Sünde des Brudermordes sind offensichtlich Fabeleien. Wie glaubwürdig ist denn die Rede von einem Antiterroreinsatz, von Selbstverteidigung der Einsatzkräfte, wenn sogar Ärzte im medizinischen Einsatz, die deutlich als solche erkennbar waren, von den Scharfschützen nicht verschont worden sind? Wieso wurde beispielsweise ein junger Dozent der katholischen Universität von L’viv, Богдан Сольчаник, der kurz vor seiner Promotion stand, durch einen Scharfschützen erschossen? Soweit wir Bescheid wissen, sind die Opfer allesamt Menschen, die gute Absichten hatten, die kultivierte und wertvolle Mitglieder der Gesellschaft waren und die keineswegs als eine Gefahr für das Leib und Leben anderer angesehen werden konnten. Diese Menschen stehen nicht für Zerstörung und Chaos, sondern für eine bessere Ukraine! Wir müssen als Kirche eindeutig feststellen dürfen, dass es Strukturen des Bösen sind, die Schießbefehle erteilen und diese bereitwillig ausführen. Auch dürfte jedem klar sein, dass die meiste Verantwortung auf dem liegt, der die meiste Macht im Land hat und das ist der Präsident.
Andererseits beten wir heute auch für die getöteten ukrainischen Polizisten. Nachrichten über Gewaltexzesse von Regierungsgegnern machen die Runde im Land. Liebe Brüder und Schwestern, bei all Eurer Sympatie für legitime politische Ziele, sollte sich jeder Einzelne seiner Verantwortung bewusst warden. Es entbindet keineswegs von der Schuld, wenn hinter einer Tötung eine politische Motivation steckt. Deshalb der dringende Apell an alle Menschen guten Willens: Auf keinen Fall dürft Ihr zu den Waffen greifen und die politischen Gegner angreifen! Als Christen müssen wir die Gewaltspirale anstatt mit Hass und Gewalt mit unserem Leiden und mit der Wahrheit durchbrechen. Wir sollen friedlich, aber unerschrocken sein und uns nach dem Evangelium ausrichten. So trägt es Paulus dem Timotheus auf:
“Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst!”

Was sagt uns das Evangelium? Bei Jesu gewaltsamer Verhaftung wollte ihm ein Begleiter mit einem Schwerthieb helfen, doch Jesus forderte ihn sofort auf, das Schwert wieder wegzustecken, “denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.” (Mt 26,52). Gewalt ist abzulehnen und erzeugt nur Gegengewalt. Das ist die Botschaft des Evangeliums, die auch unsere griechisch-katholischen Amtskollegen und auch viele Vertreter anderer Konfessionen auf dem Maidan vertreten. Gerade inmitten von tötlicher Gewalt, inmitten von Lügen, Betrug und Manipulation, wo sie zu Zeugen von vielfachem gezielten Brudermord wurden, ist diese Botschaft so wichtig.

Wir können auch hier in Deutschland daraus lernen, nämlich Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die großen ukrainischen Opfer, auch derjenigen, deren Knochen zertrümmert sind oder die erblindet sind, sollten uns dazu bewegen, die Gesellschaft, in der wir leben, und ihre Werte von Freiheit und Menschenwürde hochzuschätzen. Jeder Mensch ist eine Frucht der Liebe Gottes, ein unglaublich wertvolles Geschenk.

In einer Zeit, wo Werte verwischen, wo über Sünde kaum noch gesprochen werden darf, sehen wir ganz deutlich die schrecklichen Auswirkungen der Sünde und das möge unser Bewusstsein dafür schärfen, wass Wahrheit ist. Sie ist doch nicht subjektiv, sondern eindeutig. Das einzige was dabei subjektiv ist, ist, dass wir uns entscheiden müssen, wo wir stehen wollen? Welche Position beziehen wir zu den Todesschüssen in der Ukraine?

Wir Christen glauben daran, dass im Tod auch Hoffnung ist und dass Christus gekommen ist, und den Tod besiegt hat. Gerade deshalb dürfen wir nicht mit Hass und mit Waffen antworten, denn damit würden wir uns auch zu potentiellen oder sogar sogar zu tatsächlichen Mördern unserer eigenen Landsleute machen. Lasst uns stattdessen den Weg Jesu Christi einschlagen, den Weg zum Guten hin, auch wenn das viel Leid, ja sogar im Endeffekt das eigene Leben kosten kann.

Über alle Konfessionsgrenzen hinweg und selbst über Religionsgrenzen hinaus gibt es die Einsicht, auf Gewalt zu verzichten, weil es eben nicht eine, sondern die einzige Wahrheit ist! Mahatma Gandhi (+1948) beispielsweise hat dazu gesagt: Auge um Auge und die ganze Welt wird erblinden. Liebe Brüder und Schwestern, lasst uns angesichts des Chaos und der brutalen Gewalt nicht erblinden, sondern lasst uns auf die Wahrheit und auf Gott schauen, denn wir brauchen unseren Erlöser in diesen schrecklichen und leidvollen Tagen umso mehr, den Er gibt den wahren Frieden mit den Worten:
Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht. (Joh 14, 27) Amen!

Hinterher trug noch der Chor einige Gesänge vor. Не плач, Рахиле (Weine nicht, Rahel) ist ein traditionell zu Weihnachten gesungenes Lied, das die Trauer der Rahel um ihre Kinder (Matth. 2, 16-18) die Hoffnung auf das Heil für die Menschen, das durch ihr Opfer möglich wurde, gegenüberstellt:

Weine nicht Rahel, den Kindern ist nichts geschehen
Sie sterben nicht, sondern sie leben, sie leben als Heilige
in einem neuen Heiligtum
Sie haben ihre Leben dem Sohne Gottes gegeben.Seht, durch die Bosheit Herodes wird das Blut
vergossen wie Wasser und das Fleisch erschlagen
Obwohl sie dem Fleische nach gestorben sind, ist ihren Seelen nichts geschehen
Dafür, dass sie ihre Leben gegeben haben, sind sie belohnt werden.Höre auf, Mutter, so bitter zu schluchzen!
Ach, wie kann ich aufhören, wie nicht weinen!
Blut wie Flüsse, sie füllen das Meer,
welch schreckliches Leid!
Höre auf, Mutter, Deine Kinder zu beweinen
Wir alle haben die Sünde von Adam
Sie muss mit dem Blut weggewaschen werden,
sonst würde uns die Tür zum Paradies verschlossen.

Die Andacht endete mit dem Gebet für die Ukraine in der Melodie von Лисенко:

Großer und einiger Gott, behüte uns die Ukraine.
Mit den Strahlen der Freiheit und der Welt erleuchte Du sie.

Mit dem Licht der Wissenschaft und der Weisheit, führe uns, Deine Kinder.
In reiner Liebe zu unserem Land, nähre uns, o Herr.

Wir beten Zu Dir, großer und einiger Gott, behüte uns die Ukraine.
All Deine Gnade und Großzügigkeit wende auf unser Volk.

Gib ihm Freiheit, ein gutes Schicksal und eine gute Welt,
Gib dem Volk Glück auf viele, viele Jahre!

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